Der Wert von Kulturarbeit

Gegen den zweckmäßigen Pragmatismus heutiger Jugendlicher

Funktionalistische Weltentwürfe und funktionierende Jugendliche

Ein polemischer Seitenblick (auf den Zeitgeist Jugendlicher)

„Seid nicht zu fleißig! Bei diesem Ratschlag müssen die Faulen weghören. Er gilt nur für die Fleißigen, aber für sie ist er sehr wichtig. Das Leben besteht nicht nur aus Schularbeiten. Der Mensch soll lernen, nur die Ochsen büffeln.“ (Erich Kästner[1])

„Musizieren fördert die Konzentrationsfähigkeit“, lese ich nun auf unserer Schulhomepage. „Ich muss dieses Physik-Seminar für meine Studienbewerbung wählen.“, erklärte mir eine Schülerin des ersten G8-Abiturjahrgangs. „Ich nehme Theater, um mich präsentieren zu lernen“, sagt man mir immer häufiger.

„Um … zu“, höre ich zunehmend oft. Zu oft „um … zu“.

Wer forscht eigentlich noch, weil er forschen will? Wer singt, weil er singen möchte? Wer spielt Theater – aus purer Lust am (Theater-)Spiel? Schüler sind doch Kinder, Lehrer Menschen, Schule eine Bildungsstätte, keine Ausbildungsstätte.

Freuen wir uns an einem dadaistischen Gedicht, einer toten Sprache, an unnützem Wissen!

Bald wird man den Kindern die Kindheit wegnehmen. Das Berufsleben wird sie ihnen schon verderben, die Zweckfreiheit, das Studium, die Trödelei, den Müßiggang und die Spirenzchen. Oder um mit Kästner zu sprechen: „Liebe Kinder! Lasst euch die Kindheit nicht austreiben! … Man nötigt euch in der Schule eifrig von Unter- über Mittel- zur Oberstufe. Wenn ihr schließlich droben steht und balanciert, sägt man die ‚überflüssig’ gewordenen Stufen hinter euch ab, und nun könnt ihr nicht mehr zurück!“


Für mehr Zweckfreiheit

„Kinderspielplätze sind ein wichtiger Schauplatz im ewigen Kampf um die wahre, die einzig richtige Art der Kindeserziehung geworden. Es geht ums Wo, Wie und Womit des Spielens. Es geht um Kontrolle und Freiheit. Und es geht um die Zukunftsangst der Eltern – Kinder selbst sehen dieser gewöhnlich eher gelassen bis neugierig entgegen“, schreibt die SZ in der Wochenendausgabe vom 2./3. Juni 2012. – und weiter: „Fortschrittliche Pädagogen und Philosophen erkannten, dass das kindliche Spiel nicht reiner Zeitvertreib, gar Zeitverschwendung war, sondern unbedingt notwendig für die weitere Entwicklung.“ Warum ich Schulen mit Kinderspielplätzen vergleiche? Nun, wegen Erich Kästner: „Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist ein Mensch!“ [2]

Jahrelang hat in der Schule keiner gefragt, „Wozu brauche ich das, wozu lerne ich das?“, jedenfalls kein Lehrer oder kein Schulbuch. Vielleicht war das schade oder blind, aber: Waren die Abiturienten „damals“ deshalb ungebildeter? Heute fragt der Zeitgeist penetrant: „Kann mein Kind das gebrauchen?“ Wird diese Frage verneint, bleibt für das Unterrichts“ziel“ als letzte Chance: „Aber das fließt ins Abitur ein.“ oder „Das macht sich mal gut bei Bewerbungen.“ Sogenannte „progressive Reformer tendieren  [heute] gerne dazu, ein ‚Ziel’ in den Vordergrund zu stellen. Das Ziel des Spiels soll bestenfalls eine quantifizierbare Entwicklung sein. Ein Lernerfolg. Sichtbar für Eltern und Erzieher.“ (SZ ebda.) Und machen wir uns nichts vor. Wie oft antworten Schüler/innen, die jahrelang Theater gespielt haben auf die Frage, was sie am meisten gelernt haben im Schultheater: „Ich kann mich jetzt besser präsentieren.“ Natürlich stimmt das, aber das ist doch eigentlich eher ein Kollateralnutzen unseres Theaterunterrichts, ein im philosophischen Sinne kontingentes „Abfallprodukt“ des zweckfreien Spiels! Eigentlich geht es uns doch um viel mehr als das. Über Selbstkompetenzen und Sekundärtugenden hinaus werden Teamgeist und Toleranz erlebbar und Literatur individuell erfahren. Diese Erfahrung entzieht sich aber gerade jeder scheinbar objektiven Überprüfbarkeit. Schultheater ist damit sozusagen „der schiefe Turm zu PISA“. Natürlich kann diese Erfahrungsweise  in kognitive Überprüfung münden, sie muss aber nicht. Da ist eben auch noch der Spaß an der eigenen Körperlichkeit, am Blödsinn, am „Anderssein“[3]. Ästhetische Bildung erfüllt eben keinen Zweck, sie erfüllt den ganzen Menschen.


Für mehr Solidarität

Der spürbaren „Ziel-Orientierung“ der Gymnasiast/innen entspringt meines Erachtens eine zunehmende Ich-Orientierung. Die Sinusstudie 2012 bemerkt dazu: „Der Leistungsdruck steigt, die Kluft zwischen den sozialen Schichten vertieft sich (….) die angepassten Neo-Spießer (…) streben nach Wohlstand, wollen eigentlich nichts ändern. Auf andere, die weniger leistungsbereit sind, schauen sie herab. Die Jugendlichen übernehmen früh die Rolle von „Mini-Erwachsenen … Neu sind die deutliche soziale Abgrenzung, die ‚Entsolidarisierung’. Viele Jugendliche haben sich demnach abfällig über Hartz-IV-Empfänger und Jugendliche mit ausländischen Wurzeln geäußert, wenn auch zum Teil nur verklausuliert …“[4]

Jahrelang haben wir an der Schule in außerunterrichtlichen- und sozialpädagogischen Maßnahmen das Ich gestärkt, das Individuum stark gemacht als Prophylaxe gegen alles – offensichtlich auch gegen Sozialkompetenz und Solidargefühl.

Wenn immer früher und immer stärker „Brauche ich das?“ die entscheidende Frage wird, gilt es gegenzuhalten und Bildung wieder stärker mit sozialem Empfinden zu koppeln: Gerade außerunterrichtliche Aktivitäten, aber auch der Unterricht selbst, können sich nicht im individuellen Lernen und Fortbilden erschöpfen. Es gibt keine Bildung ohne Empathie.

„Wollt ihr lieber reich und gesund sein oder arm und krank?“, fragte Herr Lejeune auf einem Vortrag unsere Oberstufenschüler/innen. Die Schüler/innen tappten artig in die Falle. Im Schultheater halten wir den nervigen Banknachbarn aus, lässt man sich auf eine „spinnerte Idee“ ein, schaut sich den anderen mal genau an, berührt ihn, erschafft zusammen.


Für mehr Körperlichkeit

„Der Normalbegriff des Lernens bedeutet … Ordnung schaffen … Distanz gewinnen … Und der wilde Körper ist im Zuge der Aneignung dieser lernbar gemachten Welt stillzulegen, bzw. auf minimale Schreib-Lese-Sprechbewegungen hin zurückzunehmen. Die wissbar gemachte Welt – exemplarisch neuerdings INTERNET – schrumpft den Bewegungsalltag zu sitzenden Körpern, von der Mattscheibe absorbierten Augen, hörenden Ohren, tippenden Händen.“ [5]

Das bedeutet mehr ästhetische Erziehung, mehr Ganzheitlichkeit und leibliches Ausdrucks- und Gestaltungsvermögen in Unterricht und niveauvolle „Zusatz“aktivitäten, denn: „Man muss nämlich auch springen, turnen, tanzen und singen können, sonst ist man, mit seinem Wasserkopf voller Wissen, ein Krüppel und nichts weiter.“ – so erneut Erich Kästner.

Aber Achtung, es geht nicht darum, unsere Schüler/innen durch Bewegung vor der Verfettung zu retten. Nein, es geht darum einer Jugend, die durch Handy, Computer, Digitalisierung passiv, kotrolliert und normiert gemacht wird, die Freude am körperlichen Ausdruck, an der leiblichen Eroberung anzubieten: „Die Tendenzen, Lernen und Wissen möglichst frei von leiblichen Irritationen (Erschütterungen wie Verzückungen!) zu machen, haben viele Freizügigkeiten der Moderne befördert – darüber kann nicht vergessen werden, dass das leiblos gemachte Lernen sich von den Zuflüssen abzuschneiden droht, ohne die die Welt Farbe, Drama und persönliches Profil verliert. Es gibt auch eine Objektivität zu Tode.“


Für mehr Zeit und Ruhe

Der Zeitgeist treibt unsere Schüler/innen dazu, alles einmal ausprobiert zu haben, durch ihre Freizeit zu hetzen: gestern politischer AK, heute Theater, morgen Schülerzeitung. Dazu Flöte und bilinguales Reiten. Sich bilden heißt aber auch Entscheidungen treffen, verzichten, persönliche Hierarchien setzen, dranbleiben, nochmal machen, und dann nochmal – eben reifen. Dass sich das auch einmal auszahlen wird, ist ZUNÄCHST wie gesagt zweitrangig. Einfach mal „etwas g´scheit machen wollen“. Nicht alles ein bisschen, nichts richtig und trotzdem dafür ein Zertifikat erhalten wollen.

Das braucht in meinen Augen nicht nur mehr Zeit und ein neunjähriges Gymnasium, sondern auch mutige Lehrer/innen, die noch nicht zufrieden sind, wenn die ersten Schüler/innen schon nach Hause gehen wollen, die ersten Eltern schon klatschen und die Homepage schon berichtet. Es braucht auch Eltern, die ehrliches Feedback geben (vielleicht es auch erst wieder erlernen) und Kolleg/innen und Schulleitungen, die wieder ins Bewusstsein rücken, dass Qualität Zeit zur Entwicklung und Reife braucht.
 

Für mehr Mut

„Dass Menschenlernen auch den Weg vom Kennen in den Zweifel und die Unsicherheit führen kann und dass darin Schritte zum Verstehen der Welt liegen können – das ist dem Schulwissen verschlossen … Lernen wird zur diszipliniert zurückzulegenden Einbahnstraße in Richtung Regeln, Daten, Fakten. Dem folgt Auswahl und Zuschnitt der Inhalte, die Zeiteinteilung, die Methode, die Körperführung, der Affekthaushalt, die Sprache, das Schulmobiliar, die Lehrmittelhandhabung, die Schulaufsicht, die Bildungspolitik und die ihnen parallele Wissenschaft vom Lernen und Lehren, sowie das Leitbild der guten Schule.“[6]

Nicht zuletzt müssen wir im Schultheater das Scheitern erlauben, ja einfordern. Anders als im „normalen Unterricht“ ist der Lehrer nicht der, der die Antwort schon vor der Frage kennt. Nur in einem gemeinsamen Vorantasten entsteht die gelungene Aufführung. Und dazu gehört auch eine gehörige Portion Kritikfähigkeit, und zwar in einer Form, die sich nicht hinter der Vergabe von Ziffern oder Textbausteinen versteckt. Kritik, die eine Form findet, weil uns am Anderen etwas liegt und weil uns am gemeinsamen Vorankommen etwas liegt. Weil wir das Positive sehen, können auch kritische Anmerkungen Geschenke sein.

Manchmal sag ich meinen Schüler/innen: „Genießt es einfach, euch öffentlich zu blamieren.“ Denn sie blamieren damit nicht sich selbst, sondern die Erwartungen ihrer peer-group, entlarven die Hoffnungen ihrer Eltern und emanzipieren sich von den Erwartungen von Gesellschaft und Schule.

Michael Blum


[1] Aus dem Gedicht „Laßt euch die Kindheit nicht austreiben!“, hier und im weiteren Verlauf zitiert nach: Hubertus Halbfas (Hrsg.): Das Menschenhaus, Stuttgart 1972, S. 11f.

[2] In den Briefen zur ästhetischen Erziehung von 1795 findet sich die dazu passende und vielfach zitierte Passage von Schiller: „Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

[3] Ich halte es da gerne mit Kurt Schwitters: „Ich werte Sinn gegen Unsinn. Den Unsinn bevorzuge ich, aber das ist eine rein persönliche Angelegenheit. Mir tut der Unsinn leid, daß er bislang so selten künstlerisch geformt wurde, deshalb liebe ich den Unsinn.“ (zitiert nach: Hubert van den Berg (Hrsg.): „Manifeste: Intentionalität“, S. 76.

[4] Mehr zu den Studien des Sinus-Instituts unter: http://www.sinus-akademie.de/service/downloads/jugend.html Die Zitate sind entnommen aus: http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/sinus-jugendstudie-zeigt-wie-jugendliche-das-prekariat-ausgrenzen-a-824073.html

[5] Alle Zitate der folgenden zwei Absätze sind aus „Der Körper denkt immer“ (Bourdieu) – Lernen und Leiblichkeit. Zitiert nach: Horst Rumpf (Hrsg.): „Was hätte Einstein gedacht, wenn er nicht Geige gespielt hätte? Gegen die Verkürzung des etablierten Lernbegriffs“, S. 44-58.

[6] Horst Rumpf (Hrsg.): „Was hätte Einstein gedacht, wenn er nicht Geige gespielt hätte? Gegen die Verkürzung des etablierten Lernbegriffs“, S. 44-58.

Pressebericht:

Gymnasium in Bayern 10/2015

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