| Mutter Kuhranch |
oder: "wie Aristoteles Brecht post mortem 2:0 besiegte"Eigenproduktion nach Bertolt Brecht mit Texten von Anton Tschechov
Was haben Mutter Courage und Ben Cartwright gemeinsam?"Im Original" haben beide jeweils drei Kinder und in beiden Patchwork-Familien stammen die Kinder von drei verschiedenen Partner/-innen! Gewalt wird innerhalb weniger Szenen völlig unterschiedlich bewertet! Und - Achtung - Viehdiebstahl spielt jeweils eine nicht unerhebliche Rolle!
Theaterkritik Der Traum des literarischen Zappers Die Inszenierung von Michael Blum, zugleich Organisator dieses gelungenen, stimmungsvollen und stoffdichten Treffens der Besten, zeigte in konzentrierter Form, was Schüler von ihren Theater erwarten: Witz und Humor, Lust am Spiel, Farbe, Show, eine nachvollziehbare Handlung („Drama“!) und eine kräftige Ansprache des Publikums – Mitgerissen war es. Dabei muss es an Belehrung nicht fehlen: Die Dramentheorien von Lacan, Handke, Brecht und Aristoteles – letzterer siegte zum Entzücken den Publikums mit 2:0 – treiben die Handlung voran, motivieren die Spieler, kombinieren Fragmente aus der „Mutter Courage“, der Westernserie „Bonanza“ und Tschechows „Drei Schwestern“, von der Fernbedienung immer wieder zu Szenen von Krieg (Totschießen) und Frieden (Liebe) zusammengezappt und aus der Perspektive von neunmalklugen, rührseligen Couch-Tomatoes kommentiert. Nebenbei werden Handlungsstränge so ineinandergeschoben, dass sie, gerade noch erkennbar, sich gegenseitig erklären und so, aus der Sicht des Zappers, zu einem spektakulären Ganzen verschmelzen. So kommt es, dass Little Joe eine von Tschechows "Schwestern" rettet, sein Vater mit der anderen im Planwagen der Courage kopuliert. Ein spekatkulärer Gag. Aus diesen Strukturen entsteht ein Stück, das zusammengehalten wird von einer Idee – der Kritik am bewusstlosen Konsum von Medien, aber auch von leeren poetischen Theorien, wie man sie an Schule lernt. Regisseur Blum ist kein Germanist, das merkt man, wenn er Zeiten, Räume und Menschen, das Vaterunser und Westernhelden, nonchalant nebeneinander stellt. Alles ist gleich viel. Wichtig ist am Ende nur das Theater. Und wenn die Fernbedienung zum Herrschaftsinstrument mutiert und das Bühnengeschehen dirigiert – noch mehr Theater! |